2021 E-Muli ST – das kompakteste Long John Lastenrad im Test

3 Wochen war ich im Alltag mit dem brandneuen E-Muli ST unterwegs. Vielen Dank an Muli-Cycles, für die Bereitstellung! Hier findest du das Video dazu:

Hier gehts zur Score-Übersicht.

Und hier zu der Erklärung der Bewertung.

Fahrrad Kategorie

Fahrverhalten: 8/10

Das E-Muli ST ist ein Long John Cargobike, dessen Vorderrad mittels eines Lenkarmes angesteuert wird. Das ist die klassische Form der Lenkung und passt gut zu dem kleinen Muli. Das Rad an sich ist relativ schwer und durch den sehr kurzen Radstand fühlt sich die Lenkung sehr direkt an und man hat ausreichend „Gewicht“ auf dem Vorderrad, sodass es sich sowohl beladen, als auch unbeladen sehr leichtgängig und direkt steuern lässt. Mit angepasstem Reifendruck ist das Rad auch recht komfortabel, rollt erstaunlich leichtgängig auch über niedrige Bordsteinkanten und über unebenes oder Terrain bzw. Schotter oder Sand. Über höhere Kanten muss man evtl. absteigen und schieben, oder man nutzt die Kraft des Motors um einen kleinen Wheelie zu machen.


Durch die geringe Größe kommt man durch alle Lücken, kann auch um sehr enge Kehren und sehr intuitiv, wie mit einem normalen Fahrrad, durch die Gegend fahren.
Der neue Shimano Motor unterstützt dabei in allen Lebenslagen. Durch das kleine Hinterrad hat das Muli eine exzellente Beschleunigung, besonders natürlich in der höchsten Unterstützungsstufe, die man aber im Alltag nicht benötigt.


Die Nexus 5E Schaltung hinterlässt einen zwiegespaltenen Eindruck. Auf der einen Seite ist der adaptive Automatikmodus genial, wenn man ganz entspannt fährt und den Motor aktiv nutzt, da er sich auf die Lieblings-Trittfrequenz anpasst. Auf der anderen Seite kann es aber gerade bei Steigungen sein, dass der Motor zu früh wieder hochschaltet und man dann Schwung verliert. Durch die umständliche Bedienung kann man dann auch nicht „mal eben“ in den manuellen Modus schalten. Wenn man also eine hügelige Strecke fährt, ist der manuelle Modus eher angesagt, der aber auch automatisch an der Ampel runterschaltet.
Die Bremsen sind ausreichend dimensioniert, fühlen sich aber ein bisschen lasch an.
Insgesamt ein sehr spaßiges, einfach kontrollierbares Fahrverhalten, wo natürlich auch die eher sportliche Sitzposition ihren Teil beiträgt.

Innovation/Design: 9/10
Die Idee, ein Long John zu entwickeln, das in der Länge und breite nicht stark von einem normalen Rad abweicht ist 2017 komplett neu gewesen. Davor waren LJs immer groß, relativ unhandlich und schwierig unterzubekommen. Aus dieser Not wurde das Muli mit zwei Kerndesignideen entwickelt: Die kleinen Räder für eine geringe Länge und die Klappbox. Durch die kleinen Räder ist der Platz von weniger als 2m Länge überhaupt erst so gut genutzt. Immerhin 50cm Ladeflächenlänge am Boden.
Für einfaches Abstellen ist die Klappbox ziemlich cool, denn das Rad ist mit eingeklapptem Korb wenn man den Lenker voll einschlägt weniger als 30cm breit. Damit passt es auch in so manchen Flur und definitiv in jeden Fahrradständer. Sitz und Regencover passen auch in den zusammengeklappten Korb. Die Idee des wegklappbaren Korbes ist zwar nicht neu, aber individuell umgesetzt worden.
Insgesamt ist das E-Muli ST mit seiner Mattschwarzen Lackierung eher unauffällig unterwegs. Die Verwendung von klassischen runden Stahlrohren gibt dem Rad trotz des dicken Motors und Akkus ein recht filigranes Auftreten. Und dass ich als 1,96 Mensch da ganz entspannt drauf sitzen kann, ist ebenfalls gut.

Ausstattung: 8/10
Hier leistet sich das E-Muli ST kaum eine Schwäche. Ergon Sattel und Griffe sind sehr hochwertig, der Sattel könnte aber für einige zu sportlich geschnitten sein. Die Federsattelstütze ist für jeden über 1,70 und unter 1,90 ein echter Komfortfaktor und die Beleuchtung ist ebenfalls hochwertig. Leider sind Scheinwerfer und Rückleuchte konstruktionsbedingt sehr niedrig angebracht und die Rückleuchte wird sogar teilweise vom Fuß beim Fahren verdeckt. Die Bremse dürfte gerade bei höheren Beladungen oder schnellen Abfahrten relativ schnell an ihre Grenze kommen. Das Speichenschloss ist komfortabel bedienbar, da es den gleichen Schlüssel wie das Akkuschloss nutzt. Beim Akku hat Muli die große 504Wh Zelle eingebaut, die die Ladeintervalle deutlich verlängert. Je nach Streckenprofil und Beladung sind im „Normal“-Modus 70km mit einer Füllung drin. Was mir gefällt ist, dass der komplette Antrieb ein geschlossenes System bildet aus Motor, Schaltung und Interface und somit gut aussieht und gut harmoniert.

Preis: 7/10
4700€ klingt viel für ein kleines Long John, das noch ohne Sitze oder Verdeck daherkommt, ist aber nur leicht über dem, was andere kompakte Long Johns in der Grundausstattung kosten. Insgesamt reiht es sich mit anderen, teilweise deutlich größeren Long Johns ein. Der Preis relativiert sich durch die komplett lokale Produktion des Rahmensets, der Laufräder, den bis ins Detail hochwertigen Komponenten und der Montage, die ebenfalls in Deutschland stattfindet. Und das gute ist, man merkt, dass das E-Muli ST ein hochwertiges Produkt ist. Insgesamt ist es seinen Preis wert.

Qualität: 8/10
Muli produziert die Rahmen in Deutschland und demnächst sogar komplett in Eigenregie, somit haben sie die komplette Kontrolle über die Produktion und das merkt man dem Rahmen an. Hier steckt viel Erfahrung drin, alle Verbindungen sind hochwertig, es gibt kein Geklapper irgendwo und es fühlt sich beim Fahren auch bei höherem Pedaldruck äußerst steif und gut gemacht an. Sie haben das Rad auch sehr wartungsarm gemacht, da das klassische Long John Design mit Starrgabel und Lenkstange genutzt wurde. Also hier sollte man lange Freude haben. Das einzige, was man regelmäßig prüfen sollte, ist das Spiel an der Lenkstange und dass das ganze immer schön sauber und gut geschmiert ist. Insgesamt ein guter, stimmiger Qualitätseindruck.

Familienbike Kategorie 

Variabilität: 8/10
Das Muli ist trotz der geringen Größe äußerst variabel einsetzbar. Der Korb ist groß genug für einen richtig großen Einkauf und hat noch einen Clou: Eine Eurobox lässt sich passgenau einsetzen und darunter passen dann noch die Kindersitze und das Regenverdeck!
Es lässt sich innerhalb weniger Minuten vom überdachten Kindertransporter zum reinen Lastenesel umbauen und selbst oben auf den Rändern der Kiste ließen sich noch größere Gegenstände verzurren.
Wenn das E-Muli ST abgestellt und der Korb eingeklappt ist, kann man dort auch einen Rucksack oder ähnliches lagern und mit Hilfe der Griffe abschließen, sodass auch nichts einfach rausgeklaut werden kann. Die vielen kleinen Taschen im Korb erhöhen ebenfalls noch einmal die Variabilität des Muli, da man ansonsten störende Gegenstände einfach dort verstauen kann. Was die Variabilität noch einmal deutlich erhöhen würde, wäre ein Gepäckträger, den es aber aktuell nur als Zubehör gibt.

Sitze/Bank: 7/10
Die Kindersitze lassen sich in zwei Positionen montieren, nach vorne gerichtet und nach hinten gerichtet. Die nach hinten gerichtete Sitzposition ist dabei mein klarer Favorit, da die Lehne so deutlich flacher ist und man mit den Kindern super kommunizieren kann. Auch wenn der Sitz hängend gelagert ist, konnte ich keinen „Hängematteneffekt“ feststellen, aber die textile Sitzbank sorgt dennoch für bequemes Sitzen. Die hohe Sitzlehne und seitlichen Polster haben meinem Kind und mir ebenfalls gut gefallen.
Zwei Kinder sitzen durch die schmale Sitzfläche aber doch recht eng beieinander, was für die meisten kleineren Kinder aber kein Problem darstellen sollte. Im Winter mit dicken Klamotten oder für größere Kinder könnte es dann doch zu wenig Platz sein. Was dann schon eher stören könnte ist der kleine Fußraum. Wenn hier zwei Kinder drin sitzen, dann müssen sie schon sehr leidensfähig sein, wenn man noch einen Einkauf mitnehmen will.
Was ich nicht gut finde sind die sehr einfachen Gurte und Schnapper. Sie lassen sich nicht einfach einstellen und fühlen sich billig an.
Insgesamt ist das Sitzerlebnis natürlich durch die geringe Größe eingeschränkt, aber Kinder sitzen sicher, gemütlich und machen auch lange Touren gerne mit.

Zubehör: 6/10
Um das Muli zum all-year-round Kindertransporter zu machen, gibt es noch das Regenverdeck, das ich sehr gut finde. Es hält die Kinder trocken, ist ausreichend geräumig und die Einstiegsöffnungen sind groß genug. Dann gibt es noch einen Gepäckträger, der die Nutzbarkeit erhöht und das Rücklicht an eine bessere Position bringt. Eine dedizierte Plane fürs Muli, ein Korbcover und eine Babyschalenhalterung würden das Angebot noch komplettieren.

Parken und Rangieren: 9/10
Das E-Muli ST ist der absolute Einparkkönig. Durch den klappbaren Korb passt es in jeden Fahrradständer und es lässt sich sinnvoll anschließen. Das Speichenschloss mit Einsteckkette ist eine gute Ergänzung.
Beim Rangieren spielt das Muli ebenfalls seine geringe Größe aus, aber durch den Lenkarm ist es trotzdem nicht ganz so einfach zu rangieren wie ein normales Rad. Um es irgendwo reinzutragen sollte man entweder richtig Kraft in den Armen haben oder zu zweit sein, denn es wiegt mit Sitzbank satte 38kg.

Sicherheit: 7/10
Fahrsicherheit ist durch die intuitiven Fahreigenschaften komplett gegeben. Kaum ein anderes Long John fährt so reaktiv und sicher wie das Muli. Die kleinen Räder brauchen der Fahrerin oder dem Fahrer keine Angst machen, da man im Alltag vergisst, dass die so klein sind. Da spielt wieder die breite Reifen/Felgenkombination eine große Rolle. Die Beleuchtung ist gut und die Sichtbarkeit in der Nacht ist durch die riesigen Reflektoren vorne und hinten am Korb unübertroffen. Ein süßes Detail: Das Muli Logo ist ebenfalls reflektierend.
Die Kinder sitzen in der Box tief und die Arretierungsstangen verhindern, dass die Box zusammenklappen kann. Wenn das Rad mal umkippen sollte, sind die Kinder ganz nah an der Straße, durch die seitlichen Polster behalten sie aber tendenziell die Hände drin und so kann nicht so viel passieren. Der Korb macht insgesamt einen sehr stabilen und hochwertigen Eindruck. Durch die Rückwärtige Sitzposition sind die kleinen Mitfahrer sehr gut geschützt, falls man mal irgendwo gegen fährt.

Gesamtscore: 77/100

Fazit:

Das E-Muli ST ist ein hochwertiges kleines Lastenrad, das sich wie ein reguläres Fahrrad im Alltag bewegen lässt und somit gerade im Städtischen Raum die Möglichkeiten dessen, was man mit einem Rad machen kann, deutlich erweitert. Natürlich sind durch die geringe Größe Grenzen gesetzt, aber das Muli schafft es, diese so weit wie möglich nach außen zu drücken.

Für wen ist das E-Muli am besten geeignet?
Die klare Zielgruppe sind kleine Familien im urbanen Raum, mit maximal zwei kleinen Kindern und wenig Platz zum Abstellen. Oder als Ersatz für das normale Fahrrad oder Pedelec mit dem Bonus, einfach kurz für den großen Einkauf anhalten zu können. Aber der Nutzen endet nicht im Umkreis von 10km um die Haustür. Durch die geringe Größe kann man es auch auf vielen Fahrradträgern am Auto mitnehmen oder auf Reisen im Zug. Ein richtiger Autoersatz kann es wahrscheinlich nur in wenigen Fällen wirklich sein, zumindest nicht für Familien, denn dafür fehlt ein bisschen Platz vorne und hinten. Als Ersatz fürs Alltagsrad oder Zweitlastenrad ist es aber hervorragend geeignet!

* Muli Cycles hat mir das Rad zur Verfügung gestellt und bezahlt mich für die Erstellung der Videos. Auf meine Meinungsäußerung, die Gestaltung meiner Videos und die Erstellung dieser Bewertung hat dies keinen Einfluss. Ich bin herstellerneutral.

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